Freiflug.
Nicht so falsch, mein Herz!, mein Liebling. Das kannst, das willst du nicht. Es erörtert die Beine, lässt sie verstummen und ertauben. Des Welts Herz ein Krüppel.
Ich bin irre, weil ich anklage. Ihr seid irre, so ihr gaffend durch die sezierten Haufen menschlichen Versagens spaziert – auch ohne Beine. Ich stehe vor dem Fenster und sehe den grauen Darm, der sich türmt und bei schönstem Lächeln die perlbemutterten Zähne bleckt. Wollen wir sterben, oder sind wir schon tot? Die Zigarette ausgedrückt und der Kopf schüttelt sich.
Zunächst willst du sie alle retten, wie als Kind in deinen Träumen voll geschminktem Heldenpathos. Dann greifen sie dir ins Hirn, in den Magen, ins Herz und so bleibt das nickende Exemplar vom Serientypus A, Arschlochakte A-G. Herzlichen Glückwunsch, Sie sind angekommen. Nenn mich wie du willst, aber lass mich so sein wie ich bin.
Ich träume diese Träume nicht mehr, und du?
Die heimlich gestaatlichte Vollzeitelite drückt sich den Stempel des Wissens auf und lehrt die Halbpfosten zu Vollpfosten. Ich will dich nicht anlügen, aber wir sind toll, ehrlich. Und wem pflücken wir morgen die Schäfchen vom Himmel? Gib mir den sauren Apfel, ich beiße gerne hinein. Immer wieder bis die Säure sich zum Rückenmark peitscht und mich erblinden lässt, „l’essentiel est invisible pour les yeux“, hein?
Der Stummel braucht vier Sekunden für fünf Stockwerke.
Wie lange bräuchte ich, wenn ich nochmal kurz im ersten gastiere?
vom 14. Mai 2010
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Auch wenn du blind wärst.
Wenn ich dir folge,
folgst du mir?
Wenn ich bleibe,
bleibst du hier?
Du willst mich lesen?
Und wenn du blind bist?
Auch wenn du blind wärst?
Ich bin kein Buch, ich bin nur Wort,
gekünstelt im Bann der Wortlosigkeit.
Ich bin sprachlos, weil ich keine Sprache kenne,
die vermag, was ich muss.
Eine Leiche ohne Körper,
ein Wort ohne Buchstabe,
Ein Buch ohne Seite,
Berechnung ohne Kalkül.
Schenke mir Leben,
wo ich nur Ausdruck kenne.
Schenke mir Verstand,
wo mein Kopf rollt.
Ich male den Hintergrund:
Tiefen, Höhen, versetzt, beschattet.
Alle Regeln der Welt,
bloß niemals Gesetz.
Lass Szenerie spielen,
die schwarze Kunst radiert
Ihr Sein.
vom 19. November 2009
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Abgeklärte Misanthropie
Angeregt taumelnder Worte kreisen die Gedanken. Ist das gesellschaftliche Sein schuld am Verlust individuellen Geistes? Muss es diesen nicht sogar bewirken, als Ursprungsquant?
Und führt dieser Konflikt nicht über kurz oder lang zu einer aufdiktierten Identität? Wieviel sind wir dann noch selbst? Bin ich ich? Oder bin ich so gewollt? Bin ich einer solchen Erkenntnis überhaupt befähigt? Oder wäre ich es besser nicht?!
Man habe sich dem gesellschaftlichen Gefüge zu richten, um nicht selbst gerichtet zu werden. Du stellst Dogmen für dein Leben auf, setzt Prioritäten und Erwartungen – das machst du, sagst du. Das glaubst du, sage ich.
Was ist freier Wille, wenn ich meiner Freiheit irre? Wo ist Freiheit, wenn Normen binden? Abweichendes wird höchstens, wissend ob dessen Unmöglichkeit, niedlich belächelt.
Der erste Schrei im Leben ist gewollt, im Zweifel erzwungen. Versuche danach noch einmal zu schreien und sehe, was passiert.
Post-natal beginnt die Verkrüppelung menschlichen Geschlechts, Erziehung einer müden Armee unausgeschöpften, entfremdeten Potentials.
Wir sind auf dem unerbittlichen Rückmarsch geistiger wie körperlicher Fähigkeiten, werden zu Bedienern, statt zu Schaffern. Nein, wir sind geworden, ich war schon immer. Wahrscheinlich auch du.
Identitäts- und Individualverlust, harte Anklage zeitgenössischen Seins – aber Hauptsache PowerPoint, Demokratiestempel und Lächeln funktioniert, der Rest ist ja eh erstmal nebensächlich.
vom 29. Juli 2009
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Zyklus „T“, I
Ein Pflänzchen gepflückt,
der Wurzeln entrissen.
Dem Herzen verblichen,
ein Tod ist geglückt.
vom 11. Juli 2009
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???
Treiben auf der vague de sensibilité, das Gesicht gedrückt in den Grund des Ichs.
Farbspielirrung in entschiedenster Vollkommenheit. Pastellisierung ungreifbarer Eindrücke, ein Kohlestrich in wütiger Ekstase.
Die Einsicht verschwimmt, Worte strömen. Ungeklärte Klarheit weicht klarem Konstrukt der Lettern, der geformten Unbedingtheit des Verstands. Ist normativ, ist fassbar, was dem genormten Medium entspringt? Du verstehst, aber begreifst du auch? Begreife denn ich?
Trägt man Gefühl, gehört es ausgesprochen, bestätigt, erklärt? Oder gehört es nur gefühlt? Ist man seinen Mitmenschen einer Offenbarung schuldig? Oder diesem einen? Will man sie ihnen schuldig sein? Will man sich verletzbar machen, ist man es nicht ohnehin?
Im Augenblick der bröckelnden Fassade, des Annehmens einer empathischen Ahnung gewährt die Iris Einblick auf die Komposition. Doch willst du sie auch sehen, hören, empfinden? Sich einzulassen ist nie einseitige Gefahr, sich einzulassen birgt den Moment des Versinkens, des Spürens von Kräften wie Schwächen, Vernichtung und Glück. Die Bewältigung der fließenden Grenze zwischen Vertrauen und Abenteuer: sinnlich, waghalsig, intensiv.
Bist du es, gib dich zu erkennen. Bist du bereit, nimm meine Hand, lass’ dich führen, führe mich, lass’ dich belehren, belehre mich.
Wieviel eines Versprechens obliegt letztendlich mir.
Oder uns?
vom 7. Juli 2009
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gezwungen
Entfernt des wärmsten Gefühls,
gefangen in der Kälte des Alltags, der Menschen, Maschinen.
Zu äußern, was du willst,
nicht, was ich denke.
Schein des gewollten Lebens
in Echtheit spielerischer Kunst.
Nenn dich einzig
zwischen grau gestreckter Masse.
vom 1. Februar 2009
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